Mama, wer sind diese Leute?

Nachdem ich inzwischen so einige Monate mit diesen seltsamen Gestalten umherziehe, möchte ich selbige für die Nachwelt beschreiben.
Da wäre zunächst der Halbling namens Gustan. Er ist ganz süß mit seinen verstrubbelten Haaren und seinen etwas über 60 Zentimetern (Körpergröße-- Mädels, beruhigt euch!) Obwohl er noch jung ist, zeigt er oft die Abgeklärtheit eines alten Mannes und eine Pfeife auf einer Bank in der Sonne scheint ihm lieber als den Röcken hinter her zu rennen. Er ist freundlich und ausgeglichen, so lange er Tabak in ausreichender Menge bei sich trägt. Andernfalls kann er kaltblütig morden- ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Seine Körpergröße macht ihm manchmal Probleme (kein Wunder, wenn sogar Zwerge auf einen herab schauen!)- immer wenn es etwas zu sehen gibt, springt er auf und ab wie ein Gummiball, hyperventiliert und versucht, nach vorne zu kommen. Er möchte aber auf keinen Fall hochgehoben werden- offenbar wurde er zu oft fallen gelassen. Im Kampf ist er besonders stark, wenn der Gegner bereits am Boden liegt, empfindliche Füße hat, oder man sich in seinem Nackenfell festklammern kann.

Der nächste ist der Zwerg namens Brindol. Bierdol wäre auch ein passender Name für ihn gewesen- aber das trifft so weit ich weiß auf alle Zwerge zu (Bierbert, Bierli und Albier lassen grüßen!). Brindol ist ein umgänglicher Zeitgenosse und das trifft auf kaum einen Zwerg zu. Noch niemand von uns hatte plötzlich eine Axt im Knie, was einem beim Trinken mit Zwergen leicht passieren kann. Brindol schwört auf seine Armbrust und die meisten Kämpfe begleitet er mit dem Ruf "Ich bin gleich soweit, ich habs gleich, zwei drei Umdrehungen noch, lasst mir einen übrig!"...um dann daneben zu schießen und irgend etwas über verfluchte technische Fehler zu murmeln.
Aber wir sind alle sicher, dass er im Zweifelsfall jederzeit mit der Axt alles niedermähen würde, wenn dies nötig wäre.

Die nächste ist die Elfe Zobeida (ihr habt`s gemerkt- ich gehe der Größe nach vor *grins*). Sie ist eigentlich wahnsinnig schön, jedoch starrt sie ständig mit blinzelnden Augen in staubige Folianten oder treibt sich in spinnwebenverhangenen Archiven herum. Daher fällt niemandem ihre Schönheit auf. Sie ist die einzige Zauberkundige in unserem Haufen (mal abgesehen von der mysteriösen Frau, die Felmi uns als Wachhund mitgeschickt hat). In so manchem Kampf hat sie den Gegner mit Dornenhecken gefangen und anschließend mit Feuerbällen versengt, so dass jeder von uns unerhörten Respekt vor ihr hat. Schon oft hat sie zur Lösung von Rätseln beigetragen, weil sie in Tempelarchiven die richtigen Schriften fand.

Mich (Aurelia Aureliana, früher "Magda") kennt ihr ja schon ein wenig: Ich stamme aus einem Dorf, dessen Name mehr Buchstaben als das Dorf Häuser hat, was eigentlich schon alles über das Kaff sagt. Meine Mutter hat außer mir noch fünf starke Söhne und drei schöne Töchter, die sich zwar kaum gleichen, jedoch fast alle dunkles Haar haben. Meine Mutter ist eine sehr freundliche Frau- sie lud die jeden Sommer vorbei ziehenden Schausteller und Gaukler oft zu uns ein, manchmal auch über Nacht. Diese brachten ihr Glück, denn oft war sie im darauf folgenden Herbst schwanger und brachte im Frühjahr ein weiteres hübsches und gesundes Baby zur Welt. Über meinen Vater sagte sie immer, er habe auf der Bühne Karl den Kühnen gegeben und sein Schwert sei das dickste gewesen, dass sie je zu Gesicht bekommen habe.
Nun, im Dorf waren sie nicht glücklich mit mir (ich auch nicht mit ihnen, diesen dummen blonden Vollmondgesichtern!) und so zog ich eines Tages los, um meinen Vater zu finden.

Nun zu den beiden Rittern (na hoffentlich finde ich genügend ritterliche Worte...):
Zelaya leistet sich immer noch Moral und gelegentlich auch mittelschwere Bedenken. Das ist absolut typisch für Leute wie sie: Als Kinder in Watte gewickelt und mit Zucker gefüttert, später in Seide gewandet und in Sänften getragen, kriegen sie irgendwann die Abenteuerlust, weil sie denken, dass goldene Löffel auf Dauer zu langweilig sind. Manchmal haben sie durch die Vorhänge ihrer Sänften auch mal ein Stück echtes Leben gesehen und beschlossen, die Welt zu retten. Na ja, wenn man sich ihr ständiges "Das dürft ihr nicht!" und "Der Mann hat euch nichts getan!"einfach wegdenkt, ist sie ein wirklich guter Kumpel und kämpfen kann sie, dass es einem Angst macht.

Der andere Ritter (der Herr Moncada) hat so viele Gebrechen, dass man sich fragt, wie er bis heute überlebt hat: Er wird seekrank, kaum zehn Ellen vom Ufer entfernt und sobald er Architektur sieht, ist es um ihn geschehen. Geschichte ist seine Lieblings-Leidenschaft und für den Besuch im Stadtarchiv würde er jede Novizin im Tempel der Frix eintauschen. Sein größter Fehler ist es, immer nachzudenken und nach alternativen Lösungen zu suchen, wenn ein zwei Schwerthiebe das Problem schon lösen würden. Aber wehe, es ist ein junges Mädchen oder eine sonstige hübsche und hilflose Person in Gefahr,...dann stürmt der Herr Ritter los wie ein Verrückter und wir müssen mit, damit er in seinem Wahn nicht aus Versehen noch stirbt. Denn als Kämpfer ist der Mann schon eine Wucht.

Nun zum Größten in der Reihe: Dagol, der Flossbauer-Halbelf. Der mit dem größten Ego, dem längsten ...Bogen (mit den buntesten Bändern umwickelt). Seine Haare sind die grünsten, sein Brusthaar das am besten gekämmte. Der einzige von uns, der je mit einem Fisch intim wurde. Sein Herz ist weich wie Butter in der Sonne und sobald eine unerreichbare Frau mit ihm in einem Raum ist, wird sein Gehirn ebenso weich. Wenn man ihn sucht, ist er entweder in einem Frix-Tempel zu finden oder er sitzt weinend in seiner abgedunkelten Kammer, mit schwarzverschmierten Augen an einem süßen Gebäck lutschend. Er ist Waldläufer (was man kaum glauben mag, wenn man sieht, wie er in Bäume klettert). Doch zu seiner Ehrenrettung muss gesagt werden- er ist ein loyales Mitglied der Truppe, schießt wie Legolas, der Legendäre und trifft mit fast jedem Pfeil ins Schwarze. Zumindest, so lange man ihn von Frauen fernhalten kann, die er begehrt.

Ein Kinderspiel, wenn man bedenkt

Ein zwielichtiger Händler namens Mojang, der sicher auch verdammenswerte Geschäfte mit noch zwielichtigeren Gestalten macht, verkaufte mir ein Spiel mit Klötzchen in vielen Farben und Mustern, mit dem ich mir ein wenig die Zeit vertreiben wollte.
Und nun bin ich im höchsten Maße fasziniert von den Klötzchen, kann gar nicht mehr aufhören zu spielen und meine regelmäßigen Tagebucheinträge erscheinen als eine unwillkommene Aufgabe, die ich gern verschiebe.

Ich muss um Entschuldigung bitten- ich werde all die Geschichten aufschreiben, sobald ich all meine kleinen Häuschen gebaut habe.
Denn spannend ist auch, was in Tamor geschah und noch geschehen wird....

Nieder mit den Sklaventreibern!

Nicht alle von uns waren froh, das Abenteuer in der seltsamen Wasserwelt überstanden zu haben und wieder zurück in angenehm trockenen Ländern zu sein.
Der weichherzige (und ein bisschen feige sehr vorsichtige) Dagol litt sehr darunter, nicht gegen die schwachen kleinen Gnome vorgegangen zu sein, die ganz offenbar die Bewohner der Wasserwelt entführt und versklavt hatten.
Und deshalb mussten wir zurück. Zum Glück hatte der Herr Moncada es inzwischen geschafft, das Stadtarchiv von Kolnik nicht nur auswendig zu lernen, sondern an der ein oder anderen Stelle auch mit den nötigen Korrekturen zu versehen, so dass er wieder mit uns reisen konnte.
Wir erhielten also von dem Zauberer erneut Amulette, die uns für die Bewohner der Wasserwelt aussehen ließen, wie einen der ihren. Moncada, der diesen Effekt noch nie gesehen hatte, freute sich zunächst darüber, dass plötzlich alle so gut aussahen wie er (und wurde dann bitter enttäuscht).
Das Reisen mit dem Portal war nicht mehr neu für uns und so kamen wir wieder an in der Stadt der Froschfresser: In Unterkleidung und ohne Metallwaffen und mit leichter Übelkeit- wie so mancher Mann sich im Hofe eines Freudenhauses wieder findet, wenn sein Beutel nicht halten konnte, was seine Zunge versprach.

Wir gelangten unbehelligt durch eine Stadt, der das Leben zu fehlen schien, zum Palast und stellten fest, dass dort jede Menge unzufriedener Leute standen, die von den Herrschenden forderten, das Dämonenproblem aus der Welt zu schaffen und die Steuern zu senken und die als Beweis für beides Köpfe forderten.
Ein Besuch bei Dagols Bootsbauer-Freund klärte uns auf, dass unser letzter Besuch (der gestern stattfand) hier bereits einen Monat her zu sein schien und inzwischen noch mehr Bewohner verschwunden waren. Und Feuerdämonen hätten den Berg hinter der Stadt zerstört. Und die Händler seien woanders handeln gegangen, so dass man sich seit Wochen nur von Krebs und Algen ernähre, da auch die Fischer sich nicht mehr hinaus wagen würden.
Alles Gründe, die Reise schleunigst abzubrechen und wieder nach Hause zu gehen, möchte man meinen. Aber nein, inzwischen hatte der Herr Moncada irgendwas Armes und Unschuldiges gewittert, dem übel mitgespielt wurde und schon juckte ihn sein Schwert. Und Dagol brach sowieso stündlich in Tränen aus ob seiner tiefen Schuld, die armen Sklaven nicht gerettet zu haben, als er es gekonnt hatte.

Nun, wir bekamen Wind davon, dass der Einsturz des Berges wohl damit zu tun hatte, dass der Vorrat der blauen Kristalle erschöpft war und nichts mehr abgebaut werden konnte. Außerdem erfuhren wir, dass auf einer anderen Insel des Archipels noch große Vorräte der blauen Kristalle vorhanden seien (die im übrigen für die Bewohner hier keinerlei Wert zu haben scheinen.)
Wahrscheinlich war die kleine illegale und ausbeuterische Bergbaugesellschaft dort hin gezogen und so mussten wir wohl oder übel hinterher.
Wir liehen uns ein Prachtschiff vom Wesir, fuhren zur nächstgelegenen bewohnten Insel und besorgten uns mit dem Ruf "Wir retten euch alle vor dem Bösen- ihr werdet schon sehen!" einige kleinere Boote, mit denen wir zu der unbewohnten Vulkaninsel voller mutmaßlicher Verbrecher-Gnome gelangten.
Die Überfahrt war hübsch (wenn man von der Gesichtsfarbe des Herrn Moncada absah, der mehrmals unfreiwillig "die Fische fütterte").



    










  Das Obsidianschwert, das Herr Moncada dem Hohepriester abschwatzen konnte.

Als wir die Insel ansteuerten, sahen wir den Eingang zu einer Lagune und ruderten hinein. Sehr idyllisch gelegen, mit Sandstrand und Palmen, ausgesprochen sonnigem Wetter und völlig menschenleer hätte die Insel ein Paradies für erholungssuchende Reisende sein können. Wir versteckten die Boote und wanderten in Richtung des Vulkankegels, in dem wir die Gnome vermuteten.
Die Suche nach einem Eingang war nicht einfach. Ein großes Wassertor war über 4 Meter hoch und verschlossen. Jedoch fanden wir einen schmalen Gang, der hinter einem See verborgen war (unter dem Wasser liegende Stufen waren uns aufgefallen).
Vorsichtig bewegten wir uns den Gang entlang und stießen auf einen größeren Platz, der von einem wacheschiebenden Gnom verunstaltet wurde.
Diesem wurde zum Verhängnis, dass er gerade rauchte und unser kleiner Gustan wollte auch rauchen. Man kann sich gar nicht vorstellen, was die unbändige Lust auf Tabakrauch mit einem Halbling anstellt. Jedenfalls war der Gnom schnell kein Hindernis mehr und sein Tabaksbeutel wechselte den Besitzer.
Den bewusstlosen Wachposten warfen wir in ins Wasser, wo etwas Großes und Gefräßiges auftauchte und die Entsorgung kostenlos übernahm.
Die Räume, die wir durchquerten und untersuchten, sahen aus wie alte und verlassene Tempelanlagen und wurden von den Gnomen als Aufenthaltsräume genutzt. Wir fanden einige Spinde, in denen seltsam anmutende Anzüge aus gewachstem Leder hingen. Ich suchte mir einen in meiner Größe und zog ihn über.
Im nächsten Raum führte eine Treppe nach unten in einen Raum, der unter Wasser stand. Geschützt von dem Leder stieg ich hinab und tauchte in das Wasser ein- und oh Wunder!- Bei Berührung durch das Wasser entsprang dem Kragen eine magische Kugel aus Luft, die meine Frisur trocken hielt und nebenbei das Atmen erlaubte. Angetan mit diesen Anzügen tauchten wir durch Unterwasser-Gänge voll bunt leuchtender Kristalle und gelangten bald in die Mitte des alten Tempels. Dort war alles voller Gnome, die vor der Gewalt unserer Angriffe Schutz hinter Tischen und Stühlen suchten, doch Dagols Pfeilen und Moncadas Obsidianschwert entrann kaum einer. Gustan und ich rannten todesmutig um die Tische herum und traktierten die Gnome von hinten. Die fiesen kleinen Verbrecher verteidigten sich mit Armbrüsten (fast schon putzig!) und Sprengfallen, mit denen sie sich aus Versehen selbst wegsprengten. In einer knappen Stunde hatten wir das Gnomproblem erledigt und selbst kaum einen Kratzer. In der Mitte der Anlage war eine große Tür, die zu ihrem eigenen Pech nicht zu öffnen war. Also sammelten wir alle Sprengpulvervorräte der Gnome ein, häuften sie vor der Tür auf, legten eine lange Lunte daran und zündeten sie an. Rumms! Und schon hatte die Tür ein Loch, so groß wie ein Ritter in Unterhosen. Drinnen, in einem großen runden Altarraum, stand auf einer Empore der widerliche Gnomenboss Lunkvis und schleuderte uns Beleidigungen entgegen, was er später noch ziemlich bereuen sollte, aber nur kurz.

Er verschwand und hinterließ uns eine sechsbeinige gepanzerte Riesenkreatur (etwa doppelt so hoch wie der Herr Moncada und drei Mal so anstrengend). Während Dagol Pfeil um Pfeil abschoss und die Kreatur spickte wie einen Igel, fanden Gustan und ich einen guten Platz, von dem aus wir sehen konnten, wie Moncada dem Vieh sein Schwert auf die hässliche Schnauze drosch (das Obsidianschwert, nicht das andere). Außerdem erlaubte es die Raumakustik trotz des Schnaufens der kämpfenden Kreatur und Dagols Jubelrufen, wann immer er getroffen hatte, Gustan und mir noch, zu unseren Göttern zu flehen, uns in dieser metallfeindlichen Welt verdammt noch mal Waffen zu verschaffen, damit wir nicht immer nur dekorativ herumstehen müssen.

Und weil mein Gott groß und stark und gut zu den Menschen ist, schuf er die Kreatur mit dolchspitzen langen Zähnen, die sie im Augenblick ihres stinkenden Ablebens offenbarte und die fürderhin Gustan und mir als Dolche dienen sollten.

Der Rest ist schnell erzählt: Ein weiterer Durchgang führte uns zu einer Tempelhalle, in deren Boden tief nach den Kristallen geschürft wurde. Wir konnten die Sklaven befreien und zum Kratersee des Vulkans eilen, in dessen Mitte das Piratenschiff der verdammten Ausbeuter lag. Zusammen mit den befreiten Sklaven enterten wir das Schiff. Am Heck befand sich eine schwere Kanone und aus unerfindlichem Grund hatte ich immer noch glimmenden Zunder dabei- ich MUSSTE sie einfach zünden. Dummerweise war die Kanone unbefestigt und der Rückstoß trieb sie mit voller Wucht in die Kapitänskajüte, wobei sie deren vordere Wand komplett mitriss.
Als wir nachschauten, fanden wir den Kapitän (nun Lunkvis der Flache genannt) verteilt auf den wenigen Zentimetern Raum zwischen der vorderen und der hinteren Kajütenwand. Ein unwürdiges und ein wenig ekliges Ende. Aber er hinterließ eine unbeschädigte Radschloß-Pistole, die bei den Männern ordentlich Eindruck machte. Dagol und mir war das egal.

    Die Pistole, die wir bei Lunkvis fanden, und die er wohl nicht mehr braucht, da wo er jetzt ist...


Wir öffneten das Wassertor und fuhren mit dem Schiff triumphierend zurück, an Bord alle überlebenden Ex-Sklaven, die sich furchtbar freuten, nicht mehr für Gnome arbeiten zu müssen. Was man ja verstehen kann.

Zu erwähnen sei nur noch noch, dass Dagol seine Freude über die Befreiung der Sklaven sehr intensiv mit der Schwester seines Bootsbauer-Freundes teilte. (Seither grübele ich unentwegt darüber nach, dass sie doch bemerkt haben muss, dass er Brusthaar hat! Oder auf welche Weise sie sich gefreut haben, dass sie das nicht bemerkt hat. Und sie roch nach Fisch. Wahrscheinlich hat Dagol jetzt einen Fischfetisch. Immerhin war sie, seit ich ihn kenne, das einzige weibliche Wesen, dem er sich nähern durfte.)


























Seltsame Türme und Notfallprotokoll C

Kaum dass wir noch nicht begonnen hatten, uns in Kolnik zu langweilen, hatte der Herr von Felmi schon wieder einen Auftrag für uns: Wir sollten einen Brief an den Zauberer Merycad überbringen und bei der Gelegenheit einmal nachschauen, warum der letzte Brief Prado von Felmis unbeantwortet geblieben war. In klaren Worten: Wir sollten einen Zauberer aufsuchen, der wenige Reitstunden im Süden wohnte, um ihm zu helfen, sein staubiges Zimmer aufzuräumen und ein bisschen Kindermädchen spielen.

Irgendwie schafften es der Herr Moncada und Gustan, der Halbling, sich vor dieser offenbar gefährlichen Herausforderung zu drücken. Der Herr Moncada verkündete, er müsse intensiv die allgemeine Stadtarchitektur von Kolnik prüfen und der Halbling meinte, er habe durch seinen Tempelaufenthalt die üblichen BBB-Aktivitäten (Bierprüfung, Badehaus, Bordell) verpasst  und sei daher gezwungen, dies nachzuholen. Ohne Badehaus vielleicht. 

Nun, so machten eben wir Übrigen uns auf den Weg nach Süden. Wir ritten, bis wir nach einigen Stunden am Flussufer den nicht eben kleinen Turm des Zauberers Merycad fanden. Einen Turm ohne Tür, Tor, Pforte oder ähnliches. Typischer Zaubererturm eben. Auch kein Briefkasten, kein Gong, keine Möglichkeit, dem Herrn Zauberer zu sagen, dass die neue Nanny da ist.
In einem völlig leeren Torhaus entdeckten wir Zeichen auf dem Boden, die einen Kreis bildeten, und in Ermangelung eines Halblings stellten wir eben den Zwerg hinein. Er musste bestimmte Worte sprechen, und wupps! war er weg. Eigentlich hätten wir jetzt wieder gehen können....aber die anderen bestanden darauf, dem Zwerg ins Ungewisse zu folgen.

Was wir empfanden, lässt sich am besten als "geografische Unsicherheit" beschreiben. Der Kreis versetzte uns direkt in eine Halle, die sich als Erdgeschoss des Turms zu erkennen gab. Vorsichtig und neugierig erkundeten wir den Raum: Er war leer. Hinter einer verriegelten Tür befand sich ein winziger Raum ohne Fenster- ebenfalls leer. Eine Treppe führte ins nächste Stockwerk, welches leer war. Von diesem Stockwerk aus konnte man auf die Krone der Mauer gelangen, die den Turm umgab. Wir umrundeten den Turm auf der Mauerkrone und fanden eine kleine Plattform mit Liegestuhl, Aschenbecher und einer Mauerzinne, die vermutlich von einem ungeschickten Menschen als Getränkeabstellplatz genutzt wurde. Nun, ich kürze ab: So gut wie jedes Stockwerk war leer, hin und wieder standen Kisten und Kästen herum (alle leer). Im sechsten Stock befanden sich Säcke mit Körnern und Stroh. Im siebten Stock gruppierten sich mehrere Räume rund um eine große Säule in der Mitte. Wir fanden Lager und Vorratsräume und eine Falltür mit einer abwärts führenden Treppe dahinter. Im Stockwerk darunter roch es nach Tier und Stangen voller weißer ekliger Flecken spannten sich von der Raummitte zur Wand. Offenbar waren hier Vögel gehalten worden.

Wir erkundeten weitere Räume  und nur der Aufmerksamkeit  von Brindol (Zwerge haben wirklich eine besondere Beziehung zum Boden, man möchte fast sagen, sie stehen ihm nah) war es zu verdanken, dass wir die Falle rechtzeitig bemerkten. Ha! So leicht kriegt man uns nicht! Ich schlug vor, einen der Körnersäcke von unten zu holen und auf die Falle zu stellen- und siehe da, der Sack verschwand augenblicklich. Zobeida sah nach (acht Stockwerke runter, acht Stockwerke rauf- erstaunlich diese Elfen!) und wie erwartet fand sich der Sack in dem kleinen verriegelten Verlies wieder.

Erst im obersten Stockwerk befand sich ein Raum, in dem immerhin ein Schreibtisch stand. Und ein Regal.
In dem Schreibtisch fand ich einen Schlüssel, der die Tür zum Schlafzimmer des offenbar abwesenden Zauberers öffnete (Schlafzimmer sind eben meine Spezialität!). Dort stand ein Bett und in einer großen Truhe fand Dagol einige Roben des Zauberers, die er alle sofort anprobierte. 
Man stelle sich das vor: Keine Vorhänge, keine Blumendekoration, keine Teppiche. Im Prinzip keine Möbel (Kisten sind ja wohl keine Möbel, nicht wahr?) und überall Dreck. Und es riecht nach Tier. Also eine ganz typische Junggesellen-Wohnung, der die Hand einer liebenden Frau fehlt.

Einige verschlossene Türen später fanden wir endlich die Labor-Räume des Zauberers. Sie lagen voller Zeug und Phiolen und Schriftrollen und Kram. Zobeida fand eine Kristallkugel und als sie diese in ihre Hände nahm, erschien das zerzauste Gesicht eines alten Mannes, der sagte, er sei Merycad und er habe sich in Schwierigkeiten gebracht und wir sollten Notfallprotokoll C beachten- und das Gesicht verschwand.

In der Mitte des Raums war ein Podest mit einem Hebel und der mutige Brindol sprang darauf, betätigte den Hebel und fuhr mitsamt dem Podest in die Tiefe. Dort unten fand sich ein Wandschrank, in dem mehrere Kupferamulette hingen, ein blau leuchtender Steinbogen und ein Buch. Wir blätterten darin und fanden Notfallprotokoll C, aus dem folgendes zu entnehmen war:

1. Roter Stein links und Blauer Stein rechts. 2. Kein Eisen! 3. Badekleidung nicht erforderlich, aber wünschenswert 4. Amulett nicht vergessen!

Aha. Äh. Was?

Diese Zauberer! Nun, da lagen mehrere farbige Steine und in dem leuchtenden Bogen waren entsprechende Aussparungen. So weit, so einfach. Kein Eisen! Mit ungutem Gefühl legten wir unsere Waffen ab und hängten uns jeweils eins der Amulette um. Potzblitz! Das Amulett verwandelte alle anderen in Menschen, selbst den dicken Zwerg! Und Dagol trug plötzlich eine normale Haarfarbe! Zelaya bestätigte dies, Brindol jedoch behauptete, wir seien Knall auf Fall alle zu Zwergen geschrumpft. Zobeida sah uns als Elfen und Dagol  war entsetzt darüber, nicht mehr der einzige wunderschöne Halbelf zu sein!
Die Wirkung der Amulette war offensichtlich die, in Rasse und Volk dem Betrachter gleich zu erscheinen. Sehr praktisch!

Drittens Badekleidung! Was das wohl sein sollte? Wir rechneten damit, irgendwie ins Wasser zu geraten und so legten wir sämtliche Rüstungen ab uns standen alsbald in Unterkleidern vor dem sich öffnenden Portal. Mutig schritten wir hindurch und fanden uns plötzlich in einer gemauerten Nische wieder. Durch einen fadenscheinigen Vorhang fiel etwas gefiltertes Tageslicht und dahinter erklangen viele Stimmen und Schritte.
Wo zum hinterlistigen Garhunn waren wir gelandet??


Bei den blauen Froschfressern

Dagol, dessen Heldenmut schier unerschöpflich schien, wagte es, durch den Vorhang zu treten und sich umzusehen. Niemand beachtete ihn besonders. Und mit "niemand" meine ich jede Menge sehr seltsamer, äußerst blauer Gestalten, die irgendwie vogelig-menschlich aussahen, aber Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen hatten und irgendwas Kiemenartiges am Hals hinter den Ohren. Leute, die man sicher zu keiner Geburtstagsfeier einladen würde.
Offenbar befanden wir uns in einer Stadt. Häuser, aus Lehmziegeln erbaut, bildeten enge Gassen, die von bunten Baldachinen überspannt wurden. Hölzerne Markststände säumten das Karree größerer Plätze. Auf diesem bevölkerten Basar wurde gefeilscht, musiziert und gekocht. Vielerlei Waren wurden angepriesen: Muscheln und Krebse, Muschelschalen und Krebsscheren, Trockenfisch, Grillfisch, Kochfisch. Perlen und Korallenstücke, getrocknete Algenfladen und getrocknete Seesterne. Alles wies darauf hin, dass die Bewohner dieser Stadt aus dem Meer lebten. Wir streiften durch die Gassen und niemand belästigte uns oder wies darauf hin, dass wir nicht blau waren. Die Amulette taten offenbar ihre Wirkung.
Wir wagten es, Einheimische anzusprechen und erfuhren, dass ein Dämon gefangen worden sei, der im Tempel festgehalten werde.

Es war keine große Überraschung, im Tempel einen Käfig mit einem zerzausten Zauberer darin vorzufinden. Wir versicherten dem Oberschamanen des Tempels, Forscher und Wissenschaftler zu sein, die ihnen helfen würden, dass Dämonenproblem der Stadt zu lösen. Sehr diskret unterhielten wir uns mit dem Zauberer Merycad und fanden einiges heraus: 1. Tanzende Zwerge sind etwas derart Absonderliches, dass sich kein Schamane der Welt dieser erregenden Faszination entziehen kann. 2. Dagol kann mit den Händen reden (wussten wir schon) 3. Merycad wurde sein Amulett vom Hals entrissen und damit wurde er enttarnt (halbnackter alter Mann in dem, was er für Badekleidung hält), was naturgemäß zu einer Massenpanik führte.
Würde er befreit, dann habe er einen Ring, mit dem er uns zurück in die Heimatwelt befördern könne.
Wir beschlossen, ihn noch ein wenig im Käfig modern und von gestreiftem Karpfen träumen zu lassen (der Grund, warum der Zauberer in diese Welt gereist war). Derweil wollten wir den Amulett-Dieb finden. Wozu auch immer.
Die Nacht verbrachten wir im Pilgerdorf in einer kleinen nicht ganz schlangenfreien Hütte. Die- wie wir später erfuhren- tödliche Kupfernatter, die offenbar jemand auf uns gehetzt hatte, wurde in einem Bettbezug gefangen und zur weiteren Verwertung an einen Kräuterhändler verkauft.

Dagol freundete sich mit einem Bootsbauer an (Bootsbauer sind die einzigen, die sich mit Bootsbauern anfreunden...keiner weiß, warum). Von diesem erfuhr er, dass es einen Vulkan mit Feuergöttern hinter der Stadt gebe, wo sich niemand hintraute, da diese gefährlich seien. Tja, so etwas durfte man uns nicht sagen: Zack! Führer finden und Wumms! Los zum Vulkan! Halb oben blieb der Führer zurück und die letze Strecke bis zu einem Weg rund um den Vulkankegel bewältigten wir im Alleingang. Auf unserem Weg rund um den Berg auf der Suche nach irgendeinem Hinweis auf Feuergötter bemerkten wir, dass uns eine kleine blaue Gestalt verfolgte. Eine Dornenhecke später hatten wir einen kleinen blauen Gefangenen, der uns ziemlich widerstandslos darüber aufklärte, dass er seit Tagen versuche, uns zu töten, so wie er versucht habe, den Zauberer zu töten. Blau sein macht nicht klug, das merkt man immer wieder. Allerdings stellte sich heraus, dass das Blau ein Illusionszauber war und in Wirklichkeit war der Gefangene ein Gnom. Gnom sein macht auch nicht klug.

Jedenfalls habe er einen Boss, der sei im Berg damit beschäftigt, irgendwelche blauen Kristalle abzubauen, die halluzinogene Wirkung hätten auf manchen Welten. Ein Drogenboss also. Der Gefangene führte uns zum Eingang und wir stiegen hinab in die Tiefen des Vulkangesteins. Dort fand sich alles, was so ein Gnom braucht: Winzige Bettchen, kleine Stühlchen, putzige kleine Toiletten.
Unten angekommen versteckten wir uns und nur Dagol, der grünhaarige Halbelf verhandelte mit dem Boss der vier Gnomen darüber, den Zauberer zu befreien und überhaupt. Er erhielt einen Ring, der unsichtbar macht und die Zusicherung, dass wir den Zauberer befreien und mit nach Hause nehmen dürften. Dagol sicherte seinerseits zu, die Drogenhändler, die sich am Leid ihrer Opfer bereicherten, nicht zu verraten und nicht weiter zu behelligen. Als er entdeckte, dass entführte blaue Froschfresser mit Ketten als Sklaven gehalten wurden, damit sie die blaue Substanz abbauen konnten, rumorte sein Gewissen, doch die Ausführung des Auftrags (Schaut nach, was der windige Zauberer so treibt) schien ihm wichtiger.

Der Rest war schnell erledigt: Wir kehrten zum Tempel zurück, sprachen diskret mit dem Zauberer, malten Kreisekreise und warfen ein wenig Schwarzpulver in eine Feuerschale- und flohen mit dem unsichtbaren Zauberer nach Hause.

Wir werden wiederkehren und den Drogenhändler-Sklaventreibern ein unwürdiges Ende bereiten, so viel ist sicher. Und gestreiften Karpfen werden wir das nächste Mal auch essen!














Noch ein Artefakt...ist der Mann süchtig?

Kleiner Nachtrag
Offenbar verfügt Zobeida tatsächlich über eine große magische Begabung: Sie hatte nicht teilgenommen am unten beschriebenen Ausflug, da ihre Geister ihr von einer Gefahr gesprochen hatten. Und siehe da: Einige von uns kehrten mit einer Krankheit zurück, die uns etliche Tage aufs Lager zwang. Was mal wieder beweist, dass man auf die Stimmen in seinem Kopf hören sollte.

Tustag, der 10. im Freudenmond

Kaum hatten wir uns an die Annehmlichkeiten der weichen Betten in Kolnik  gewöhnt, kam Donata zu uns, um uns ein Angebot Prado von Felmis zu unterbreiten.
Da wir bereits zugesagt hatten, ihm sein kostbares Artefakt, welches uns gestohlen worden war, wieder zu beschaffen (aus den Archiven der sicher schwer bewachten Abtei- nebenbei bemerkt..) und dies unter der Tarnung einer Händlergruppe geschehen sollte, hatten wir uns eigentlich gefreut, einige Tage, bis das Handelsschiff bereit sei, in Kolnik herum zu hängen- auf Kosten unseres Auftraggebers versteht sich.

Nun, einige von uns hatten schon schwer damit angefangen: Der Zwerg Brindol zum Beispiel trank seit drei Tagen ununterbrochen jeden unter den Tisch, der sich traute, gegen ihn anzutreten. Die zuvor jeweils getroffenen Verabredungen, was der Sieger bekommen würde, hatten allerdings sicher keinen Bestand vor der Justiz, denn sie klangen ungefähr so: "Wennuschaffsuntanischssundrgnkommssunsilbabanuwennusschaffs." Die Antwort lautete stets ungefähr so: "Aber klar- Wirt! Zwei Bier für mich und meinen Freund- und wenn ihr schon dabei seid, bringt noch zwei für meinen Freund und mich!"  Ein Unglücklicher antwortete jedoch: "Haha, einen verdammten Zwerg unter den Tisch zu trinken ist doch keine Herausforderung...fehlen ja nur 3 Zentimeter!" Brindols Treffsicherheit mit der Axt war vom Alkohol kaum beeinträchtigt und so war der Mann froh, dass er wenigstens noch an einem Fuß alle Zehen hatte.
Zobeida streifte durch die dunklen und seltsamen Bezirke der Stadt, in der Hoffnung magische Artefakte, Tränke, Rezepte oder sonst welchen Zauber zu finden. Sie ging allein, was einige zwielichtige Gestalten zu der Annahme verlockte, sie könne eine leichte Beute sein. Sie würden nie den Abend vergessen, an dem sie sich plötzlich von einer Dornenhecke eingekreist sahen, über die ein Feuerball nach dem anderen flog und ihnen die Haare versengte. Und als die Kinder erst merkten, dass die Ganoven hilflos waren - und als sie erst mit Steinen warfen und dann mit fauligem Gemüse und als ein Junge auf die Idee mit den Nachttopf-Bomben kam!
Nur Dagol verbrachte seine Tage auf den Stufen vor der Herberge, malerisch in graziler Haltung, die grünen Haare mit den bunten Bändern darin sorgfältig über der Schulter drapiert, und versuchte, Donata ein Lächeln zu entlocken. Wie traumverloren deklamierte er Liebesgedichte und seufzte ein ums andere Mal tief, wenn er sie von Ferne sah. Er bekam viele Angebote von handfesten Witwen und des nachts auch von verhuschten Männern, doch Donata beachtete ihn nicht, und so begab sich Dagol nach zwei Tagen und zwei Nächten in seine Kammer, verdunkelte die Fenster, verkroch sich ins Bett und beschloss, mindestens eine Woche lang zu leiden.

Als denn Donata kam mit dem Auftrag Prados, mal eben aus einem benachbarten Dorf ein Artefakt abzuholen, war Dagol mit Leiden noch nicht fertig, Brindol konnte zwar noch stehen, jedoch weder sprechen noch laufen und Zobeida war einem Rezept auf der Spur, daher beschlossen die beiden Ritter Moncada und Zelaya, der Halbling Gustan und meine Wenigkeit, den läppischen Auftrag zu erledigen.

Donata fuhr uns mit der Kutsche ungefähr eine Stunde lang nach Südosten. Dabei passierten wir eine Grenze. Dahinter lag das Königreich Amaj (Heidenland, wie man weiß) und in der Nähe eines seltsam gespaltenen Baumes sagte sie uns, die Straße sei zu schlecht und wir müssten die letzte halbe Meile zu Fuß gehen. Kein Problem für Gustan und mich, nur die Ritter jammerten, dass sie ihre Pferde nicht hätten und überhaupt.
Wir gingen gerade zwischen den beiden Hälften des Baumes hindurch, da fing es heftig an zu schneien- im Freudenmond! Schlimmer noch, überall lag Schnee und es war ganz dunkel, fast wie in einem Schneesturm. Wir drehten uns entsetzt nach Donata um, doch sie warf Gustan nur einen Sack an den Kopf und war verschwunden. Und mit ihr die Straße, die Kutsche, das schöne Wetter, unsere Hoffnung auf einen netten kleinen Ausflug und jegliche Verlässlichkeit der Realität.
In dem Sack waren Wintermäntel - diese gemeine Zauberhexe hatte den Schnee also absichtlich gezaubert um uns zu verwirren und zu demütigen. Murrend stapften wir gen Norden, wo angeblich das Dorf sein sollte. Und siehe da, nach kaum einer Stunde Schneestapfen kam Wolfang in Sicht, tief verschneit und auf seltsame Art seltsam. Das Dorf bestand aus langen niedrigen Holzhäusern, die um einen Platz angeordnet und am Dachgiebel mit Pferde- und Drachenköpfen verziert waren. Da draußen keine Menschenseele war, bummerten wir an die Tür des größten Hauses und nach kaum einer Ewigkeit öffnete sich die Tür und heraus kamen in dieser Reihenfolge: Jede Menge stickiger Holzrauch, der Gestank ungewaschener mutmaßlich dicker bärtiger Männer, das Odeur von schlecht gegerbten Tierhäuten, eine Spur Gerstensuppendampf, trunkenes Gegröhle, Hundegebell und das Geklirr von Tonkrügen in Fettpfützen auf Eichentischen. Als die bucklige Frau, die uns geöffnet hatte, uns unwirsch herein winkte, traten wir nur ein, weil die Alternativen noch weniger attraktiv erschienen.

Wir sahen alles, was wir zuvor nur gerochen hatten. Auf einer Art Thron saß ein großer Mann in Fellkleidung. Hinter ihm hingen gekreuzte Eisenäxte an der Wand. Das war, wie sich herausstellte, Leif Leifson, der Sohn des Leif und Chef des Dorfs. Wir sollten unsere Waffen ablegen (die Leute hier starrten unsere Stahldolche an, als wären sie aus purem Gold) und uns zu ihnen setzen. Wir bekamen Eintopf und Met und einen Platz auf eng besetzten Holzbänken zwischen rauen aber freundlichen Dörflern.
Die Unterhaltungen allerdings waren merkwürdig- so wusste keiner etwas von Kolnik, obwohl das doch die größte Stadt in diesem Teil des Landes ist.  Auch kannten sie weder den König noch den grauen Orden. Als wir schon vermuteten, dass sie noch nie jenseits des Dorfangers gewesen waren, berichteten sie vom Meer im Norden und von einer Thingstätte, die auch als Handelsplatz diente einen halben Tagesmarsch im Nordwesten.

Der Herr Moncada erkannte zuerst, was sich als unglaubliche Wahrheit herausstellte: Wir waren 30 Meilen südöstlich von Kolnik und wir befanden uns 500 Jahre in der Vergangenheit.

Darauf brauchte ich glatt noch mehrere Becher Met. Schließlich war ich jedoch bereit, alles zu glauben, was man mir erzählte.

Der Dorfbarde (sie sagten hier "Skalde") erzählte uns Geschichten von Leif Erikson, dem Vater von Leif Leifson. Dieser muss wohl so einiges drauf gehabt haben, denn jedes Kind kannte irgendwelche Heldengeschichten von seinen Reisen und so. Er war es jedenfalls, der das Artefakt gebracht hatte, von einem Zauberer namens Merricat und sie brachten es ihrem Obergott Ulric zum Opfer (indem sie es mit Eisennägeln an der Wand befestigten). Ulric, der als Holzstatuette herumstand, bekam auch immer wieder Eisennägel in den Kopf. Diese eindeutige Vorzugsbehandlung wollte Nali, der andere wichtige Gott (des Wetters, der Liebe, bla bla) nicht hin nehmen (wie uns die weise kleine Alma, 5 Jahre, erzählte) und so schickte Nali einen ewigen Winter, der den Anbau von gesundem Gemüse unmöglich machte und die Leute zwang, jeden Tag gebratene Tiere zu essen, oh meine Götter, wie grausam!

Jedenfalls wollten wir dieses Artefakt und hatten extra zum Tausch einen riesigen Eisenbarren mitgeschleppt, doch der Skalde schickte uns zum Obermufti Leif und der schickte uns zum Skalden und irgendwie schien niemand so richtig interessiert zu sein, außer Almas liebe Omi, die mit blinden Augen offenbar die einzig Sehende unter lauter Hühnern war und klar erkannte, dass das Artefakt des netten Zauberers von nebenan nicht hierher gehörte und fremd war, genau so wie wir, und dass es am besten mit uns dahin ginge, wo es hingehöre, genau wie wir und wieder einmal wurde klar, dass alte Frauen irgendwie alles wissen und nichts Fremdes mögen.

Nun, bevor wir es schafften, Leif Leifson diese Ideen näher zu bringen, wurde zur Jagd geblasen auf einen riesigen Eber mit Feueratem und Drachenhörnern, so groß wie ein Stier und so gefährlich wie zwei Stiere, der das Dorf bedrohte und verhöhnte und kleine Kinder fraß.

Das war das erste Mal, dass wir voller Bedauern an den Waldläufer dachten, wie er leidend vor unerfüllter Liebe in seiner dunklen Kammer lag. Verdammt, der Elf hätte wenigstens einen Bogen gehabt!
Nun, der Gedanke, dass ein Nahkampf gegen einen solch teuflischen Rieseneber irgendwie gefährlich sein könnte, kam unseren Rittern nicht. Sie stürmten voran, schrieen Todesdrohungen in den Schneewind und schossen dem auf sie zustürmenden Eber einen Armbrustbolzen in die Flanke, hauten ihm mit dem Schwert eins über die Rübe und da bekam der Eber Angst und floh blutend in ein Tannendickicht.

Wir krochen hinterher...und sahen, dass der Eber in einen Felsspalt rannte. Während der Halbling und ich auf die Felsen kletterten, um den Eber von oben zu Tode zu schießen, stürmten die Ritter beide in den Spalt. Als der Eber sah, dass er verfolgt wurde, drehte er um und griff an. Er rannte erst in Moncadas Schwert und Schild, warf den langen Lulatsch um und warf sich dann gegen Zelayas Schild. Diese hielt stand und so kassierte das Untier noch zwei Schwerthiebe.

Da warf sich von oben mit gezücktem Hiebmesser der Halbling Gustan auf die Stelle, wo der Eber hätte sein können, aber nicht war und rammte mit aller Kraft sein Messer in den Boden. Ich hätte erzählen können, dass der Eber sich darauf hin tot lachte, doch starb er sicher an dem Armbrustbolzen, den ich ihm zielgenau irgendwo in den Pelz schoss. Ich dankte den Rittern, dass sie ihn so schön für mich eingekesselt hatten, denn die Präzision meiner Armbrustschüsse sei nicht so erprobt (das war das erste Mal, dass ich mit so einem Ding geschossen hatte! Anfängerglück!).
Jedenfalls stand Gustan auf, klopfte sich den Dreck von den Knien, sprang auf den Eber und gab dem bereits toten Tier den Rest. Und noch einen Rest. Und noch einen!

Wir holten die Dorfleute, präsentierten ihnen ihren nicht ganz so riesigen Rieseneber, bestätigten, dass er gewiss Feuer gespien hatte, wir ihn jedoch trotzdem besiegen konnten und während die Frauen das Jagdfest vorbereiteten, konnten wir Leif Leifson mithilfe des Skalden überzeugen, dass der Kopf des Ebers eine prima Opfergabe für einen erzürnten Gott darstelle und dass das Artefakt nicht hier her gehöre und wir es deshalb mitnähmen und je mehr Met Leif trank, desto leichter war er zu überzeugen und so bekamen wir alsbald das alte Schwert vom Götteraltar und machten uns auf den Weg zurück in die Zukunft.

Ich machte mir große Sorgen, was wir an dem gespaltenen Baum vorfinden würden und siehe da, meine Befürchtungen trafen ein: Der Schnee verschwand, die hinterlistige Donata tauchte auf und die Aussicht auf ein glückliches Leben ohne Gemüse, mit viel gebratenem Fleisch und Fässern voller Met an der Seite von rauen wilden Männern als einzige Frau im Dorf, die jemals gebadet hatte und wusste, wie man ein Dekolletee trägt, verblasste vor meinen Augen zu einem Traum.

































Aus dem Journal Prado von Felmis



Das Artefakt ist fort.

Nicht, dass es mich überraschen würde. Nachdem die Bunte Kuh über fünf Tage überfällig war, obwohl sie Galitt termingerecht verlassen hatte, stand etwas Derartiges zu befürchten.

Was soll aus uns einfachen Geschäftsleuten nur werden in diesen Zeiten, wenn es nicht einmal mehr möglich ist, ein einfaches Päckchen von Altfurth nach Kolnik liefern zu lassen, ohne Komplikationen und Scherereien... Raubritter, Piraten, Zöllner, und was weiß ich noch Alles.

Vielleicht sollte ich dem Imperator vorschlagen, ein reichsweites allgemeines Nachrichten- und Paket-Versandtsystem einzurichten, wie es doch im Alten Reich vor bald 1500 Jahren doch offenbar schon möglich gewesen war. Oh Glorreiche Zeiten!

Nur würde das bedeuten, dass seine Kaiserliche Hoheit mich dann sofort um weitere 5000 Goldtaler Kredit anpumpen, und mir dafür nichts als einen weiteren belanglosen Titel mit zugehörigem verwahrlosten Landgut anzubieten haben wird...

„Dör Krieg im Osten, werter Froind...“ jaja, ich weiß.

Nun habe ich heute endlich die Eskorte meines Päckchens persönlich kennen lernen dürfen, und ich muss sagen, mein Neffe Anton entwickelt mit der Zeit eine interessante Gabe der Menschenkenntnis.



(Menschen o.ä.)


Selten sah ich eine abgerissenere Gruppe Abenteurer. Sie wirkten, als hätten sie die Nächte der letzten Woche oder gar Monate ausnahmslos unter freiem Himmel verbracht.

Dennoch sehe ich auch Potential.

Ich werde ihnen die eine oder andere Aufgabe stellen, um ihre Begabungen zu prüfen, bevor ich sie entsende, mein Artefakt aus den Kammern des Ordens wieder zu beschaffen, doch ich bin zuversichtlich, und glaube fest, dies ist der Beginn einer für alle Seiten äußerst vorteilhaften Zusammenarbeit.

Ich habe ihnen Donata zur Seite gestellt. Besonders der Elf mit den farbigen Haaren scheint Gefallen an ihr gefunden zu haben.
Donata wird ihnen jede mögliche Unterstützung zukommen lassen, und sie gleichzeitig für mich im Auge behalten.

Das verschafft mir die Zeit, die ich brauche, um die neuen Informationen auszuwerten. Was sie mir über die Umtriebe einiger Ordensleute berichtet haben, wiegt schwer. Das verlangt nach einer sofortigen Neuanalyse der Situation. Wer mag dieser N. sein? Er ist keiner der Großen Drei, denke ich, aber er verfügt offenbar über nicht unwesentliche Macht im Orden.

Er kann Brüder disziplinieren und strafversetzen lassen. Er hat Einfluss auf die Flotte. Er wird entweder zum Klerus oder zu den Graumänteln gehören, und mindestens den Rang eines Dekans oder Erzdiakons innehaben.

Vielleicht ist es an der Zeit, mich mal wieder mit meinem Guten Freund M. auf ein paar Gläser Wein zu treffen.

Ha, da kommt mir eine gar fabelhafte Idee, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.